In meiner Arbeit begegnen mir oft Aussagen wie diese: „ist es nicht normal, sich selbst zu kritisieren“?
Es ist wichtig, hier eine Unterscheidung zu treffen. Die Unterscheidung zwischen Selbstreflexion und – meist abwertender – Selbstkritik.
Selbstkritik ist nicht normal sondern weit verbreitet.
Selbstkritik ist nicht natürlich sondern erlernt.
Selbstreflexion als Teil der Selbststärkungskompetenz ist eine Fähigkeit, uns in unserem Ausdruck, in unserem Einbringen in die Welt, in unserem Umgang mit uns und mit unseren Mitmenschen zu regulieren.
Abwertende Selbstkritik bildet sich heraus, wenn wir in unserer Selbstreflexion nicht mehr in uns spüren, lauschen, schauen. Wenn wir stattdessen Wertungen aus dem Außen übernehmen und uns an den Maßstäben anderer messen. Abwertende Selbstkritik ist ein Indiz dafür, dass wir unsere Selbststärkungskompetenz nicht vollständig ausgeprägt haben und dass uns wichtige Fähigkeiten fehlen, um uns selbst stärken zu können.
Ein Zuviel an Selbstkritik entsteht nicht zufällig – es hat oft tief verwurzelte Ursachen. Hier sind die häufigsten Faktoren, die dazu führen können, dass wir uns und unser Tun bewerten und kritisieren.
1. Frühe Prägungen und Kindheitserfahrungen
Übermäßige Kritik und/oder mangelnde Anerkennung in der Kindheit können dazu führen, dass wir früh lernen, uns selbst zu bewerten (verurteilen) statt uns liebevoll zu reflektieren und zu verstehen.
Eltern, die selbst keine vollständige Selbstkompetenz vorleben, können keinen förderlichen Selbstumgang vermitteln. Auch Überbehütung oder Kontrollverhalten behindern die Entwicklung von Eigenverantwortung und innerer Stärke.
2. Fehlende emotionale Bildung
Eine andere Ursache kann der vorgelebter Umgang mit Emotionen oder zuwenig gestillte emotionale Bedürfnisse in der Kindheit sein. Wie haben sich unsere Bezugspersonen im Umgang mit Emotionen gezeigt? Wie sehr wurden wir angeregt, Emotionen auszudrücken, sodass wir daran wachsen können? In unserer Gesellschaft (und in den Schulen) wird kognitives Wissen stark gefördert – aber Selbstwahrnehmung, Selbstreflexion und Emotionsregulation werden kaum gefördert.
Viele Menschen haben nie gelernt, wie man mit innerem Druck, Zweifeln oder schwierigen Gefühlen konstruktiv umgeht.
3. Leistungsdruck und äußere Anpassung
Leistung wird oft über Selbstfürsorge gestellt, Stärke über Verletzlichkeit. Fortlaufend Leistung erbringen, dem Vergleich standhalten, vielleicht auch besser sein - wer ständig „funktionieren“ muss oder sich über Leistung definiert, vernachlässigt oft den Zugang zur eigenen Innenwelt.
Die Folge: ein Leben im Außen, während innere Bedürfnisse, Werte und Grenzen unklar bleiben.
4. Negative Glaubenssätze und innere Überzeugungen
Sätze wie „Ich genüge nicht“, „Ich darf keine Schwäche zeigen“ oder „Ich muss alles allein schaffen“ versetzen uns in unterschwellige Angespanntheit und blockieren uns dabei, unsere Selbststärkungskompetenz vollständig zu leben.
Solche Glaubenssätze lernen wir im Laufe unseres Heranwachsens, sie entstehen meist unbewusst. Auch wenn sie meist im Unbewussten wirken, steuern sie dennoch unser Verhalten.
5. Überforderung oder Höchstleistungsphasen
Starke emotionale Belastungen, ein Zuviel an Anforderungen und Aufgaben oder lang anhaltender Stress können dazu führen, dass wir verlernen, uns in unserer Stimmung, inneren Erleben und Gefühlen wahrzunehmen.
Das erschwert uns den Zugang zu unserer Mitte und zur Selbststeuerung.
6. Fehlende Zeit oder Räume zur Selbstreflexion
Ein durchgetakteter Alltag ohne Pausen lässt uns keinen Raum, um uns selbst wahrzunehmen oder zu verstehen. Selbststärkungskompetenz vollständig zu leben braucht Pausen für Selbstwahrnehmung, Innenschau und bewusste Entwicklung und das fehlt uns oft im hektischen Lebensstil. „Langsam“ ist oft nicht positiv assoziiert.
Sich selbst wahrnehmen und spüren können, geht nicht im Schnelldurchlauf.
Fazit:
Ein Zuviel an Selbstkritik führt zu einem Mangel an Selbststärkungskompetenz. Und das ist meist erlernt.
Aber das Gute ist: Selbstkritik kann jederzeit gewandelt und Selbststärkungskompetenz kann jederzeit entwickelt werden. Mit Bewusstsein, Übung und vor allem mit dem Wissen „wie“ ist es möglich, innere Blockaden zu lösen und die eigene innere Stärke zurückzugewinnen.
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Sobald wir verstehen, was in uns vorgeht, können wir etwas ändern. Das ist unsere Stärke. Selbstkritik lässt uns wenig Raum für Beweglichkeit, für Veränderung aus uns selbst heraus.
Schreibe mich unkompliziert per E-Mail an, wenn du den Wunsch hast, dich selbst besser zu verstehen und stärken zu können. Wenn du wissen willst, wie du es dir ermöglichst.
Von Herzen,
Bildquelle: siriwannapatphotos
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